Der erneute Preisschock bei Öl und Gas erhöht den globalen Inflationsdruck und rückt die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten wieder in den Fokus. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am 10. September 2026 ihre Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte angehoben und dabei ausdrücklich auf den anhaltenden Inflationsdruck durch den Konflikt im Nahen Osten verwiesen.
Die Preise für Öl und Gas werden auf internationalen Märkten bestimmt. Deutschland kann sich diesem Preisrisiko auf den Weltmärkten nicht allein durch den Wechsel von Lieferländern oder Bezugswegen entziehen. Heimische erneuerbare Energien verringern diese Abhängigkeit und wirken als Preisbremse. „Die Preistreiber haben einen Namen: fossile Energien. Der beste Inflationsschutz ist die Transformation von Öl und Gas hin zu Strom aus heimischen erneuerbaren Energien in Kombination mit Energiespeichern“, sagt IWR-Geschäftsführer Dr. Norbert Allnoch.
Günstigere Strompreise: Wie Solarstrom teure Gaskraftwerke schon jetzt aus der Preisbildung drängt
Wie die Entkopplung von teuren fossilen Energien im Strommarkt funktioniert, zeigt sich schon jetzt. An besonders sonnenreichen Tagen sinken im Tagesverlauf die Börsenstrompreise mit steigender Solarstromerzeugung bis zur Mittagszeit häufig deutlich ab und steigen am Abend mit zurückgehender PV-Erzeugung wieder an.
In der öffentlichen Diskussion wird dieser typische Preisverlauf häufig mit einer falschen Kausalkette dargestellt: Zu viel Solarstrom dränge mittags ins Netz, führe zu einem "Überangebot", sei wertlos, überlaste die Stromnetze und müsse zu niedrigen Preisen ins Ausland "verklappt" werden. Diese irreführende Darstellung vermischt die Preisbildung an der Strombörse mit den physikalischen und netztechnischen Vorgängen im Stromsystem.
Tatsächlich gilt für die Preisbildung an der Strombörse das Merit-Order-Prinzip oder Grenzkostenmodell. Kraftwerke werden nach ihren Geboten aufgereiht. Das letzte Kraftwerk, das zur Deckung der Nachfrage noch benötigt wird, bestimmt den Strompreis für alle in der Auktion berücksichtigten Kraftwerke - unabhängig davon, wie günstig diese zuvor geboten haben. Solaranlagen bieten ihren Strom mit niedrigen Grenzkosten an und drängen Kraftwerke mit höheren Grenzkosten, z.B. Gaskraftwerke, in der Merit Order zurück. In der Folge sinken die Börsenstrompreise. Der niedrige Mittagspreis ist demzufolge ein Preissignal des Strommarktes und kein Beleg für eine Überlastung der Stromnetze.
Deutlich wird das Prinzip bei den aktuell hohen Gaspreisen. Bei einem Gaspreis von derzeit rund 80 Euro/MWh am richtungsweisenden europäischen TTF-Hub entstehen in einem Gaskraftwerk mit einem angenommenen elektrischen Wirkungsgrad von 50 Prozent allein Brennstoffkosten von rund 160 Euro/MWh Strom beziehungsweise 16 ct/kWh. CO2-Kosten und weitere variable Kosten kommen hinzu. Wird ein solches Gaskraftwerk zur Deckung der Nachfrage nicht benötigt und stattdessen durch günstigere Erzeugung aus der Merit Order verdrängt, kann es den hohen Börsenstrompreis nicht mehr setzen. Die Folge: Ein günstigeres Kraftwerk beziehungsweise Gebot bestimmt den Preis. Je weiter erneuerbare Energien teure Kraftwerke in der Merit Order zurückdrängen, desto niedriger fällt der Börsenstrompreis aus.
Börsenpreis und Netzengpass sind zwei verschiedene Dinge
Unabhängig von der Preisbildung an der Strombörse gibt es regionale Netzengpässe und Abregelungen erneuerbarer Anlagen. Dennoch konnten nach Angaben der Bundesnetzagentur 2025 mehr als 96 Prozent der erzeugten erneuerbaren Strommenge in das Netz eingespeist und zu den Letztverbrauchern transportiert werden. Ein niedriger oder negativer Börsenstrompreis ist daher nicht automatisch ein Hinweis auf einen Netzengpass.
Mit der Inbetriebnahme der großen Nord-Süd-Stromverbindungen Ultranet (2.000 MW), A-Nord (2.000 MW), SuedLink (4.000 MW) und SuedOstLink (2.000 MW) bis 2028 steigen die Transportmöglichkeiten zwischen den erneuerbaren Erzeugungsschwerpunkten und den Verbrauchszentren weiter.
Batteriespeicher verschieben günstigen Strom in teure Stunden
Genau die niedrigen Strompreise in den Mittagsstunden schaffen den wirtschaftlichen Anreiz für Batteriespeicher. Sie kaufen Strom bei niedrigen Preisen, speichern ihn und verkaufen ihn in den teureren Morgen- und Abendstunden wieder. Damit verschieben Batteriespeicher Strommengen im Tagesverlauf und folgen den Preissignalen des Strommarktes.
Der Effekt wirkt auf die Strompreise in beide Richtungen: Beim Laden steigt die Nachfrage in den günstigen Mittagsstunden. Beim Entladen erhöht sich das Stromangebot in den teureren Morgen- und Abendstunden. Dadurch sinken dort die Börsenstrompreise und teure Gaskraftwerke werden in der Merit Order zurückgedrängt.
Die Kombination aus erneuerbaren Energien und Batteriespeichern verlängert damit den preissenkenden Effekt von Wind- und Solarstrom über den Tagesverlauf. Je mehr günstiger erneuerbarer Strom zeitlich verschoben werden kann, desto seltener müssen teure Gaskraftwerke den Strompreis bestimmen. Gleichzeitig sinkt der Einfluss hoher internationaler Gaspreise auf den deutschen Börsenstrompreis.
IWR kritisiert Bundesregierung: Staatlich geförderte fossile Gaskraftwerke sind das falsche preispolitische Signal
Vor diesem Hintergrund sieht das IWR die aktuelle Ausgestaltung der Strategie der Bundesregierung kritisch. Staatlich geförderte Gaskraftwerke in dem geplanten Umfang, die zudem nicht nur als Reserve vorgehalten werden, sondern am Strommarkt teilnehmen können, sind bei hohen Gaspreisen ein zusätzliches Strompreisrisiko. Werden sie zur Stromerzeugung benötigt, können ihre hohen Brennstoffkosten über die Merit Order unmittelbar auf den Börsenstrompreis durchschlagen.
„Für die deutsche Wirtschaft ist ein dauerhaft wettbewerbsfähiges Strompreisniveau von zentraler Bedeutung. Dieses Ziel steht im Widerspruch zu einem Strommarktdesign der Bundesregierung, in dem teure fossile Kraftwerke häufig den Börsenstrompreis bestimmen. Entscheidend ist daher, dass das fossile Preisrisiko dieser Kraftwerke möglichst selten wirksam wird“, sagt Allnoch.
Zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes Deutschland sollte der Schwerpunkt deshalb auf dem weiteren Ausbau von Wind- und Solarenergie in Kombination mit privatwirtschaftlich betriebenen Batteriespeichern liegen. Heimische erneuerbare Energien reduzieren die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern, deren Preise auf internationalen Märkten gebildet werden und damit nicht national steuerbaren Preisrisiken unterliegen. Speicher verschieben günstige Strommengen in die teureren Stunden und tragen so dazu bei, dass teure Gaskraftwerke seltener den Börsenstrompreis bestimmen.





