Die aktuelle US-Administration schleift bisher tragende Säulen des Wirtschaftssystems und des Wohlstands. Aktienmärkte konzentrieren sich aktuell eher auf die positiven News. Allerdings schaffen die derzeitigen Maßnahmen ein Umfeld, das langfristig die Risiken für Kapitalmärkte erhöht.
Die neue US-Administration hat gerade mal 15 Prozent ihrer Amtszeit hinter sich gebracht, aber schon jetzt erinnern die Wirtschafts- und Außenpolitik der USA mehr an das Weltmachtgebaren der britischen Krone im 19. Jahrhundert als an die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, in der die USA ein Wirtschaftssystem und eine neue Weltordnung aufbauten, um eine Wiederholung der verhängnisvollen Fehlentwicklungen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts zu verhindern.
Zentrale Weisheiten der Nachkriegszeit, die Washington derzeit in Frage stellt: Internationale Kooperation und Heben von komparativen Stärken sind von Vorteil für das Wirtschaftswachstum in allen Ländern, Zölle verhindern die effiziente Allokation von Produktionsfaktoren und wirken deshalb inflationär, eine unabhängige Notenbank, die die Inflationserwartungen im Zaum hält, ist ein hohes Gut und von daher respektvoll zu behandeln, der US-Dollar muss sich seine Rolle als Weltreservewährung immer wieder verdienen, internationale Kooperation ist wichtig.
Viele dieser über die vergangenen Wirtschaftskrisen bestätigten Erkenntnisse sind von den USA in dem letzten halben Jahr ignoriert worden. Von internationaler Kooperation hält der neue Chef im Weißen Haus wenig: Er sagt an – und wenn jemand wagt zu widersprechen, wird er mit zusätzlichen Drohungen überschüttet. Zölle wurden verhängt, die jetzigen bringen den Durchschnittszollsatz der USA in Regionen, die seit den 30er Jahren nach der großen Depression nicht mehr gesehen waren. Jerome Powell, der standhafte Chef der FED, wird von Trump und seinen Mitstreitern in der Öffentlichkeit demontiert, wo es nur geht. Mitglieder des FED-Boards, die seine Meinung nicht teilen, sind ebenfalls im Visier. Der US-Dollar soll nach Vorstellung des wirtschaftlichen Teams des Präsidenten abgewertet werden. Wer es aber wagen würde, seine Einzigartigkeit als Reservewährung und damit die Finanzierung des „Twin Deficits“ der USA in Frage zu stellen, dem drohen drakonische Handelssanktionen.
Allerdings wirken die Kapitalmärkte bislang eher ungerührt. Nach einem kurzen Einbruch Anfang April zeigten gerade die Aktienmärkte eine positive Performance. Warum ist das so und kann das langfristig so bleiben?
Die Antwort muss starten mit der Basis, die für politische Faktoren, Kriege und Krisen gleichermaßen gilt: Kapitalmärkte haben eine einzige Aufgabe und die ist, Preise verschiedener Assets zu bestimmen, sie nehmen keine moralische oder weltanschauliche Funktion wahr. Märkte stellen also die Frage, welche politischen Maßnahmen der neuen Administration haben welche Implikationen für den Preis von welchen Wertpapieren? Hier lässt sich zeigen, dass es eine Kombination von Faktoren gibt, die in der öffentlichen Wahrnehmung wenig thematisiert werden, aber momentan positiv wirken. Allerdings sind die negativen Faktoren evident und werden durch eine erratische Politik der Administration sogar noch weiter genährt.
Fangen wir mit den positiven Maßnahmen an, über die wenig berichtet wird, die von den Kapitalmärkten aber sehr wohl registriert werden. Es geht um die große und meiner Ansicht nach immer wieder unterschätzten Wirkungsweise des Weckens der „Animal Spirits“, der Deregulierung, der Ermunterung der unternehmerischen Aktivität. Schon in der ersten Amtszeit von Donald Trump hat sich gezeigt, dass derartige positiven Maßnahmen auf die Wirtschaft unterschätzt werden.
Daneben gibt es „technische“ Effekte, auch als Folge von taktischen Entscheidungen, die derzeit positiv auf die Märkte, aber auch auf das Wirtschaftsbild wirken. Die Einführung der Zölle wurde mehrfach verzögert. Das hatte ökonomische und Stimmungsauswirkungen. Ökonomisch kam es zunächst zu wachstumserhöhenden Wirkungen und Verschiebung der Preiseffekte nach hinten. Zuerst wurden die Käufe von billigen Produkten, sprich ohne zusätzliche Zölle, vorgezogen und die Lager im ersten Quartal aufgestockt, dann wurde der gegenläufige Effekt im zweiten Quartal vermindert, weil die Zölle temporär ausgesetzt wurden. Preiserhöhungen gab es wenige, weil die höheren reziproken Zölle bereits kurz nach dem titulierten „Liberation Day“, für die meisten Länder für 90 Tage ausgesetzt wurden und „nur“ der Basiszoll von zehn Prozent galt. Danach folgte eine weitere Verschiebung bis Anfang August. Unternehmen dürften mit Preiserhöhungen auf die finale Höhe der Zölle gewartet haben.
Noch wichtiger waren aber die Stimmungseffekte. Als die US-Administration die erste Zollpause verkündete, interpretierten die Märkte einen „Trump-Put“, das heißt, falls die Märkte durch Politikmaßnehmen zu sehr geschockt würden, würde die mit vielen Milliardären und ehemaligen Kapitalmarktprofis angereicherte Administration
darauf reagieren und den Märkten schon das geben, was sie bräuchten.


