Core gilt als Synonym für Stabilität und Planbarkeit in der institutionellen Immobilienanlage. Doch wenn langjährig gehaltene Objekte erhebliche Reinvestitionen erfordern, stellt sich eine grundlegendere Frage: ob gängige Core-Klassifikationen den ökonomischen Lebenszyklus von Immobilien tatsächlich vollständig abbilden – und welche Konsequenzen sich daraus für die Exit-Logiken offener Immobilienfonds ergeben.
War es wirklich Core – oder zeigt sich der Preis erst im Lebenszyklus?
In der institutionellen Immobilienanlage gibt es Begriffe, die über Jahre hinweg kaum hinterfragt wurden. Core ist einer davon. Die Kategorie steht für Stabilität, planbare Cashflows und ein vergleichsweise niedriges Risikoprofil. Gerade in offenen Immobilienfonds ist diese Einordnung zentral, da sie Erwartungshaltungen zu Ausschüttungen, Liquidität und Risikoverlauf prägt.
Gleichzeitig haben sich in den vergangenen Jahren Fälle gemehrt, in denen langjährig gehaltene Objekte nach zehn – teilweise sogar (manchmal bedeutend) weniger – Jahren erhebliche strukturelle Investitionen erfordern. Gemeint sind nicht laufende Instandhaltung oder punktuelle Modernisierungen, sondern Capex-Volumina, die einen wesentlichen Anteil des ursprünglichen Kaufpreises erreichen.
An diesem Punkt stellt sich eine nüchterne Frage: Ob die gängigen Core-Klassifikationen tatsächlich geeignet sind, die ökonomische Realität von Immobilien über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg abzubilden.
Core als Erwartungskonstrukt
Core ist weniger eine Renditekategorie als eine Erwartungskonstruktion. Üblicherweise werden darunter Objekte verstanden, die
- langfristig vermietbar sind,
- stabile Cashflows liefern,
- geringe Schwankungen aufweisen und
- und keine signifikanten strukturellen Risiken erkennen lassen.
Für offene Immobilienfonds ist diese Logik besonders relevant. Liquiditätsmanagement, Bewertungssystematik und Anlegerkommunikation bauen auf der Annahme auf, dass Core-Objekte nicht nur wertstabil, sondern auch in ihrer Kostenstruktur weitgehend planbar sind.
Diese Planbarkeit wird jedoch häufig aus einer statischen Betrachtung abgeleitet: Lage, Mieterstruktur, Bauqualität und Marktumfeld zum Erwerbszeitpunkt. Problematisch ist hierbei, ob und inwieweit der vollständige Lebenszyklus des Gebäudes Eingang in die Betrachtung findet.
Lebenszyklus-Capex als strukturelles Thema
Immobilien unterliegen keiner linearen Alterung. Technische Standards, regulatorische Anforderungen und Nutzungsprofile verändern sich zwar über Zeit, jedoch nicht gleichmäßig. Insbesondere im Bürosegment haben sich wertrelevante Veränderungen in den vergangenen Jahren beschleunigt – etwa durch Energieeffizienzanforderungen, ESG-Kriterien oder veränderte Nutzeransprüche.
Wenn nach längerer Haltedauer Investitionen erforderlich werden, die über laufende Instandhaltung hinausgehen und faktisch eine strukturelle Erneuerung darstellen, ist das zunächst kein Anomaliefall. Immobilien sind reale Wirtschaftsgüter. Sie erfordern Anpassungen, um ihre Markt- und Nutzungsfähigkeit zu erhalten.
Relevant wird dieser Umstand dort, wo solche Investitionen in der ursprünglichen Erwartungslogik nicht oder nur unzureichend berücksichtigt wurden.
Capex als impliziter Exit-Trigger
Wenn ein Objekt beispielsweise nach zehn bis zwölf Jahren vor der Entscheidung steht, einen signifikanten Teil des ursprünglichen Kaufpreises erneut zu investieren oder andernfalls strukturelle Wert- und Vermietungsrisiken zu akzeptieren, endet faktisch die Phase, in der das Objekt als Core im klassischen Sinne fungiert. Die Core-Eigenschaft ist in diesen Fällen offenkundig nicht mehr gegeben, sondern müsste durch eine neue Investitionsentscheidung aktiv wiederhergestellt werden.
Diese Entscheidung ist keine technische Maßnahme, sondern ein Reset des Businessplans – mit einem veränderten Risiko-Rendite-Profil und einer erneuten Kapitalbindung.
Damit verschiebt sich auch die Exit-Logik grundlegend. Während Exits bei Core-Objekten traditionell primär marktabhängig waren – getrieben von Preisniveaus, Zyklen oder Portfolioreallokationen –, werden sie in dieser Phase investitionsabhängig. Der Exit erfolgt nicht mehr, weil der Markt günstig ist, sondern weil die Frage einer erneuten, substantiellen Investition beantwortet werden muss.
Diese Abwägung verschärft sich zusätzlich vor dem Hintergrund veränderter Refinanzierungsbedingungen. Höhere Zinsen im Vergleich zum Erwerbszeitpunkt erhöhen die Kapitalkosten und beeinflussen damit unmittelbar die Wirtschaftlichkeit einer Reinvestition.
Capex wird damit zur Exit-Schwelle. Ein veränderter Blick auf Core als Eigenschaft wirkt somit unmittelbar auf die gesamte Exit-Logik offener Immobilienfonds.
Capex-Transparenz als Governance-Thema
Die Frage nach frühzeitiger Transparenz über strukturelle Capex-Bedarfe von Core-Objekten ist dabei nicht nur eine Frage der Analyse, sondern auch der Governance. Anreiz- und Bewertungslogiken vieler Managementmodelle orientieren sich nachvollziehbar an laufenden Ertragskennzahlen, Ausschüttungsstabilität und periodischer Performance. Diese Ausrichtung ist grundsätzlich sinnvoll, da sie eine Interessenkongruenz zwischen Management und Anlegern herstellen soll – jedenfalls bei sachgerechter Ausgestaltung der Incentivierung.
Gleichzeitig entsteht hier ein strukturelles Spannungsfeld. Frühzeitige, substanzielle Capex-Maßnahmen können kurzfristig Cashflows belasten, Bewertungen beeinflussen und die laufende Performance verzerren, obwohl sie aus ökonomischer Sicht notwendig sind, um langfristige Wert- und Vermietungsrisiken zu begrenzen. Die Anreizlogik wirkt damit nicht fehlgerichtet, kann aber in bestimmten Phasen mit den Erfordernissen einer lebenszyklusorientierten Portfoliosteuerung kollidieren.
Dieses Spannungsfeld ist stets ein inhärentes Dilemma zwischen kurzfristiger Ergebnisdarstellung und langfristiger ökonomischer Substanz. Umso wichtiger wird eine Governance, die strukturelle Capex-Bedarfe frühzeitig identifiziert, transparent kommuniziert und konsequent umsetzt – auch zwar auch dann, wenn dies temporär zulasten laufender Ertragskennzahlen geht.
Gerade hier ist ein zentraler Schlüssel für institutionelle Anleger auszumachen, der nicht aus der Hand gegeben werden sollte. Eindeutig ist, dass die Verantwortung für die Einordnung, Priorisierung und Umsetzung lebenszyklusrelevanter Investitionen im Laufe eines Mandats als typische Management-Leistung beim Manager liegt. Klar ist aber auch, dass eine reine passive Delegation dieser Verantwortung an den Manager nicht uneingeschränkt auf eine optimale Mandats-Governance von Spezialfonds einzahlt. Günstig wirken kann daher eine konstruktiv-kritische Begleitung institutioneller Anleger verbunden mit klarer Erwartungssteuerung, um sicherzustellen, dass ökonomisch notwendige Investitionen nicht zugunsten – lediglich – kurzfristiger Stabilität aufgeschoben werden.
Total Cost of Ownership statt statischer Kategorien
Für institutionelle Anleger rückt damit die Betrachtung der Total Cost of Ownership stärker in den Vordergrund. Entscheidend ist nicht allein die Anfangsrendite oder die laufende Ausschüttung, sondern die Netto-Wirtschaftlichkeit eines Assets über die gesamte Haltedauer.
Dazu gehören insbesondere:
- strukturelle Capex-Risiken,
- regulatorisch bedingte Nachrüstungen,
- funktionale Obsoleszenz
- sowie der Zeitpunkt, zu dem ein Objekt von einem stabilen Cashflow-Träger zu einem Investitionsschwerpunkt wird.
Diese Faktoren waren auch in der Vergangenheit bekannt, wurden jedoch in der Klassifikationslogik Core häufig nur implizit berücksichtigt. Andererseits ist zu vermuten, dass die gemehrten Fälle in den vergangenen Jahren zu einer Schärfung des Bewusstseins institutioneller Immobilienfonds-Anleger geführt haben. Daraus folgt vermutlich, dass institutionelle Anleger zukünftig diesen Punkt besonders kritisch betrachten. Institutionelle Anleger dürften wohl unbedingt vermeiden wollen, dass sie erst zum avisierten Laufzeit-Ende eines Core-Immobilienfonds mit signifikantem Capex konfrontiert werden. Das dürfte im neuen Zyklus unmittelbar Auswirkungen auf das Fonds-Design dann überhaupt noch marktgängiger Produkte (Stichwort: Wie „accessen“ Investoren die Anlageklasse Immobilie) und ganzer Exit-Logiken haben.
📌 Fazit
👉 Core ist kein statischer Zustand und deshalb kein Garant für dauerhaft niedrige Investitionsanforderungen.
👉 Core beschreibt eine Risikoeinordnung zu einem bestimmten Zeitpunkt unter bestimmten Annahmen.
👉Ändern sich Annahmen im Zeitverlauf, ist das nicht unbedingt ein Fehler. Es erfordert jedoch eine umso präzisere Erwartungssteuerung sowie frühzeitige Transparenz und Kommunikation gegenüber den Anlegern.
👉Gerade bei langfristiger Bestandshalterabsicht bedarf es einer realistischen Einordnung in den ökonomischen Lebenszyklus von Immobilien – einschließlich ihrer Total Cost of Ownership. Investitionen zur Aufrechterhaltung von Core beeinflussen damit nicht nur den Objektzustand, sondern die gesamte Fondslogik – bis hin zur Exit-Entscheidung.