Article Weekly

Side Letters als Ort institutioneller Risikoverantwortung

Sideletters zu Fondsverträgen

Fondsverträge werden immer komplexer. Gleichzeitig verlagern sich zentrale Risiko- und Verantwortungsfragen zunehmend aus dem Fondsvertrag heraus. Side Letters sind zum Ort geworden, an dem institutionelle Anleger versuchen, Verantwortung dort zu verankern, wo sie im Vertragswerk nicht mehr eindeutig geregelt werden kann.

Die zunehmende Komplexität von Fondsverträgen führt in der Praxis zu einem immer schwierigeren Handling. Eigentlich sollen längere LPAs, detailliertere Regelungen und immer umfangreichere Subscription Agreements die Risiken präziser adressieren und Verantwortlichkeiten klar zuweisen. In der Praxis zeigt sich jedoch zunehmend das Gegenteil der beabsichtigen Wirkung: Es entsteht eine Scheinprofessionalisierung, die Steuerbarkeit suggeriert, ohne sie tatsächlich herzustellen.

Fondsverträge sind in den vergangenen Jahren nicht nur länger, sondern auch inhaltlich dichter geworden. Neben ausufernden LPAs haben selbst die ursprünglich eher technisch angelegten Subscription Agreements erheblich an Umfang gewonnen. Hinzu kommt eine zunehmende Überfrachtung mit rechtlichen Regelungen, deren Zusammenspiel selbst bei professioneller rechtlicher Begleitung nicht stets vollständig zu überblicken ist. Zentrale Auslegungs- und Anwendungsfragen lassen sich immer häufiger nicht eindeutig allein aus dem Fondsvertrag beantworten, obwohl genau dafür er gedacht ist.

Für institutionelle Anleger stellt sich die Frage, wie sie in solchen Fällen ihrer Verantwortung bei solchen komplexen Vertragswerken gerecht werden. Wo Zweifel verbleiben, ob Risiken im Fondsvertrag klar verstanden oder eindeutig zugeordnet sind, entsteht faktisch der Zwang, Verantwortung aktiv zu operationalisieren. Genau an diesem Punkt verschiebt sich die Funktion von Side Letters.

Früher dienten Side Letters vor allem dazu, individuelle Anlegerbedürfnisse abzubilden – etwa Reporting-Inhalte, -formate oder -frequenzen – sowie wirtschaftliche Gleichbehandlung über MFN-Klauseln abzusichern. Heute werden sie zunehmend zum Ort, an dem Anleger ein eigenes Set an Anforderungen statuieren, weil der Fondsvertrag diese Klarheit für die Beteiligten nicht mehr stets zulässt.

Diese Entwicklung kann sich sogar verstärken, wenn eine (Master-)Dachfonds-KVG als rechtlicher Anleger zeichnet: Sie agiert mit nochmals gesteigerter treuhänderischer Verantwortung und muss bei pflichtgemäßer Ausübung ihrer Funktion auch solche Fragestellungen beherrschen, die im Fondsvertragswerk offen geblieben sind. Bleiben selbst nach umfassender Prüfung und Abstimmung wesentliche Auslegungs- oder Anwendungsfragen ungeklärt, ist es eine konsequente Maßnahme, diese über Side Letters aktiv zu adressieren.

Auf der Gegenseite reagieren Zielfonds-KVGs hierauf nicht selten mit Pushbacks. Verantwortung wird dann gelegentlich über Best-Efforts- oder Best-Knowledge-Klauseln versucht zu begrenzen. Es entsteht ein Aushandlungsprozess, in dem beide Seiten versuchen, eine Komplexität handhabbar zu machen, die sich – insbesondere in ausländischen Jurisdiktionen – nicht mehr vollständig beherrschen lässt. In der Regel gelingt diese Rückübersetzung von Komplexität in klare Verantwortung. Trotzdem kann eine Restverantwortung bestehen bleiben, die nicht eindeutig zugeordnet ist.

📌 Fazit:

  • Wo Vertragswerke Komplexität nur noch dokumentieren, statt aus sich selbst heraus inhaltlich hinreichend bestimmt und verständlich zu sein, entsteht in der Branche in Wahrheit keine Professionalität – sondern allenfalls deren Fiktion.
  • Der Prozess von Side Letter-Abstimmungen gleicht mitunter einer schleichenden Diffusion: Die eine Seite versucht, Verantwortung abzugeben, während die andere gezwungen ist, sie zumindest teilweise aufzunehmen.

#Newsletter: Bleibe auf dem Laufen

Melde Dich zum Newsletter an und lasse Dich von uns regelmäßig zu den neuesten Themen informieren.

Jetzt anmelden