„Während die Fed ihre Leitzinsen unverändert belässt, hält die EZB den Einlagensatz bei 2,5 Prozent. Aus unserer Sicht ist dies die richtige Entscheidung. Zwar bleibt der Inflationsdruck hoch. Die Teuerungsrate im Euroraum liegt inzwischen bei 3,8 Prozent und dürfte weiter steigen. Allerdings ist der Preisschub überwiegend energiepreisgetrieben. Gravierende Zweitrundeneffekte sind bislang nicht erkennbar. Während die kurzfristigen Inflationserwartungen steigen, bleiben die längerfristigen weitgehend stabil.
Gleichzeitig verliert die europäische Konjunktur an Dynamik. Die Wachstumsperspektiven trüben sich ein, während die deutlich gestiegenen Kapitalmarktzinsen die Finanzierungsbedingungen bereits erheblich verschärfen. Der Kapitalmarkt übernimmt damit einen wesentlichen Teil der geldpolitischen Straffung. Dies dürfte die wirtschaftliche Aktivität und mittelfristig auch den Inflationsdruck dämpfen.
Viele Ökonomen erwarten den nächsten und voraussichtlich letzten Zinsschritt im Dezember. Dieser Einschätzung schließen wir uns ausdrücklich nicht an. Aus unserer Sicht unterschätzt sie die bereits wirksame geldpolitische Restriktion und die zunehmenden konjunkturellen Risiken.
Besondere Aufmerksamkeit verdient Frankreich. Steigende Risikoaufschläge erhöhen den Druck auf die EZB, die geldpolitische Transmission sicherzustellen. Noch handelt es sich vor allem um länderspezifische Spannungen. Bei einer Eskalation könnten jedoch unkonventionelle Maßnahmen notwendig werden – zunächst verbale Interventionen, Liquiditätshilfen oder eine Verlangsamung des Bilanzabbaus. Das Transmission Protection Instrument bliebe das letzte Mittel."



