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Ein Gesetz statt 26: Warum ein Bau-Turbo allein nicht reicht

David Jacob Huber, BFW-Geschäftsführer
David Jacob Huber, BFW-Geschäftsführer (David Jacob Huber)

Die Debatte über schnelleres Bauen greift zu kurz. Der Blick nach Amsterdam, Den Haag und Rotterdam zeigt: Entscheidend sind weniger Regelkomplexität, klarere Zuständigkeiten und der Mut, Standards neu zu bewerten.

Die Diskussion ist auch in Norddeutschland vertraut: Es soll schneller gebaut werden, einfacher, günstiger und möglichst auch noch bezahlbar. Der politische Reflex darauf heißt inzwischen fast immer Bau-Turbo. Das klingt gut, löst aber das eigentliche Problem nur unzureichend. Denn der Engpass liegt nicht allein beim Tempo. Er liegt tiefer: in einem System, das Bauen über Jahre immer komplexer, teurer und schwerer kalkulierbar gemacht hat. Genau deshalb lohnt sich der Blick in die Niederlande. Nicht, weil dort alles besser wäre. Sondern weil man dort an einigen entscheidenden Stellen pragmatischer und systematischer an die Sache herangeht.

Im März haben wir, eine 31-köpfige Delegation aus Verbänden, Kammern, Wohnungswirtschaft und Politik unter Leitung von Grant Hendrik Tonne (SPD), niedersächsischer Minister für Wirtschaft, Verkehr, Bauen und Digitalisierung, Amsterdam, Den Haag und Rotterdam besucht. Die Reise war keine Exkursion in ein wohnungspolitisches Paradies. Im Gegenteil. Auch die Niederlande kämpfen mit massiver Wohnungsnot, stark gestiegenen Preisen, regulatorischen Zielkonflikten und einem hohen politischen Druck. Gerade deshalb war der Austausch so aufschlussreich. Denn wenn ein Land unter ähnlich angespannten Bedingungen strukturell reagiert, dann lohnt es sich, genauer hinzusehen.

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis lautet: Ein Bau-Turbo allein reicht nicht. Wer wirklich schneller und günstiger bauen will, muss das System vereinfachen. Die Niederlande haben dafür mit der Omgevingswet einen bemerkenswerten Schritt gemacht. Seit 2024 bündelt dieses Gesetz 26 Einzelgesetze in einem Regelwerk. Das ist mehr als eine juristische Reform. Es ist der Versuch, Planung und Genehmigung grundsätzlich neu zu denken. Weg vom kleinteiligen Nebeneinander, weg von widersprüchlichen Verfahren und Zuständigkeiten, hin zu mehr Übersicht und einer Verwaltung, die nicht zuerst nach Gründen sucht, warum etwas nicht geht.

Genau darin liegt auch für Niedersachsen und Bremen eine zentrale Lehre. In Deutschland sprechen wir oft über Beschleunigung, lassen aber die Ursachen der Langsamkeit weitgehend unangetastet. Solange Verfahren kompliziert bleiben, Zuständigkeiten zersplittert sind und auf jedes Projekt neue lokale Sonderanforderungen treffen, wird aus dem Bau-Turbo vor allem ein politisches Schlagwort. Wirkliche Beschleunigung entsteht nicht durch Appelle, sondern durch Vereinfachung.

Ein zweiter Punkt ist mindestens ebenso heikel und deshalb umso wichtiger: der Umgang mit Standards. In den Gesprächen vor Ort war spürbar, dass in den Niederlanden offener über Zielkonflikte gesprochen wird. Dort wird nüchterner gefragt, welche Anforderungen wirklich notwendig sind und welche vor allem Kosten treiben. Das betrifft Sicherheitsstandards, technische Ausstattung, Genehmigungsdetails und die Frage, ob wirklich jede denkbare Vorgabe in jedem Marktsegment gleich sinnvoll ist. Diese Debatte fehlt in Deutschland zu oft oder wird reflexhaft moralisch aufgeladen. Wer günstiger bauen will, muss aber genau darüber sprechen. Sonst bleibt bezahlbarer Wohnraum ein politisches Versprechen, das an der Realität vorbeigeht.

Besonders interessant war in diesem Zusammenhang auch der Umgang mit kommunalen Anforderungen. Die Niederlande versuchen stärker, Sonderauflagen zu begrenzen und damit Planung, serielle Ansätze und skalierbares Bauen überhaupt erst wirtschaftlich zu ermöglichen. Für Norddeutschland ist das hoch relevant. Wer industrieller, schneller und kosteneffizienter bauen will, kann nicht gleichzeitig zulassen, dass Projekte von Kommune zu Kommune mit neuen Sonderwünschen, Zusatzstandards und abweichenden Auslegungen konfrontiert werden. Genau diese Regelvielfalt frisst am Ende Zeit, Geld und Produktivität.

Hinzu kommt ein Punkt, der in der deutschen Debatte oft zu kurz kommt: Bezahlbarer Wohnungsbau braucht nicht nur politische Zielsetzungen, sondern wirtschaftlich tragfähige Rahmenbedingungen. Auch in den Niederlanden wurde sehr offen darüber gesprochen, wie schnell gut gemeinte Vorgaben an ökonomische Grenzen stoßen. Hohe Quoten für bezahlbaren Wohnraum, strenge Auflagen, steigende Baukosten und zugleich die Erwartung, dass private Akteure den Großteil des Neubaus stemmen, erzeugen ein Spannungsfeld, das sich nicht wegmoderieren lässt. Wer von privaten Investoren mehr Engagement verlangt, muss auch über bezahlbares Bauland, verlässliche Verfahren und eine partnerschaftliche Aufgabenverteilung zwischen Staat, Kommunen und Immobilienwirtschaft sprechen. Genau deshalb sehen wir als BFW Niedersachsen/Bremen auch die Gründung einer bundesweiten Wohnungsgesellschaft kritisch. Der Aufbau einer solchen Organisation würde erhebliche Steuergelder binden, die aus unserer Sicht sinnvoller in die Förderung des Wohnungsbaus fließen sollten, um privates Investment gezielt zu aktivieren, statt neue staatliche Strukturen aufzubauen, die den Markt nicht ersetzen können.

Gerade Rotterdam hat das sehr anschaulich gemacht. Dort wird mit hoher Dichte, Nutzungsmischung und sozialer Durchmischung gearbeitet. Gleichzeitig wurde offen benannt, wie groß die Lücke zwischen politischen Erwartungen und wirtschaftlicher Realität sein kann. Genau diese Offenheit ist ein Unterschied, von dem wir lernen können. In Deutschland sprechen wir häufig über das Ziel, aber zu selten über die Voraussetzungen seiner Erreichbarkeit.

Der Blick in die Niederlande liefert dabei nicht nur Vorbilder, sondern auch Warnungen. Weitreichende Mietpreisregulierungen, strenge Umweltauflagen und infrastrukturelle Engpässe zeigen dort ebenso, wie schnell der Neubau ins Stocken geraten kann, wenn Regulierung und Realisierbarkeit auseinanderlaufen. Auch das ist für uns relevant. Die richtige Schlussfolgerung lautet also nicht, die Niederlande zu idealisieren oder ein Modell eins zu eins zu übertragen. Die richtige Schlussfolgerung lautet, genauer zu unterscheiden, was tatsächlich hilft und was vor allem zusätzliche Komplexität schafft.

Für Niedersachsen und Bremen bedeutet das aus unserer Sicht vor allem vier Dinge: erstens weniger Regelkomplexität, zweitens schnellere und digitalere Genehmigungen, drittens mehr Einheitlichkeit statt immer neuer lokaler Sonderwege und viertens eine ehrliche Debatte über Standards, Kosten und Verantwortlichkeiten. Wenn diese Punkte nicht angegangen werden, bleibt der Bau-Turbo eine griffige Überschrift, aber keine Lösung. Wenn sie angegangen werden, kann aus der Debatte über schnelleres Bauen tatsächlich wieder mehr Neubau entstehen.

Die Wohnungsfrage wird sich weder in Niedersachsen noch in Bremen mit einer einzelnen Maßnahme lösen lassen. Aber der Blick ins Nachbarland zeigt, dass man die richtigen Fragen stellen kann. Nicht nur: Wie bauen wir schneller? Sondern vor allem: Was müssen wir weglassen, vereinfachen und neu ordnen, damit Bauen überhaupt wieder verlässlich möglich wird? Genau dort beginnt die eigentliche Reform.

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