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Wenn der Staat das Geld der Rentner entdeckt

Wenn der Staat das Geld der Rentner entdeckt

Kolumbien wollte Pensionsvermögen per Dekret ins eigene Land lenken. Europa setzt auf Marktanreize. Doch beide Ansätze werfen dieselbe Frage auf: Entstehen dadurch neue Investitionen – oder werden nur bestehende Vermögenswerte teurer?

Es ist eine verlockende Vorstellung: Der Staat benötigt Milliarden für Infrastruktur, Energiewende und wirtschaftliche Entwicklung. Gleichzeitig verwalten Pensionsfonds gewaltige Vermögen. Warum also nicht das eine mit dem anderen verbinden?

In Kolumbien wollte man genau das. Die privaten kolumbianischen Pensionsfonds verwalten rund 179 Milliarden US-Dollar für knapp 20 Millionen Versicherte. Im April beschloss die damalige Regierung, ihre Auslandsinvestitionen auf maximal 30 Prozent des Fondsvermögens zu begrenzen. Bislang lag dieser Anteil bei rund 48 Prozent. Umgerechnet 31 Milliarden US-Dollar sollten so schrittweise in den heimischen Kapitalmarkt zurückfließen. Am 7. Oktober hob die neue Regierung die Regelung wieder auf. Zu groß waren die Bedenken hinsichtlich Anlagerisiken und möglicher Preisverzerrungen.

Die Geschichte verdient auch diesseits des Atlantiks Aufmerksamkeit.

Denn mit ihrer Savings and Investments Union verfolgt die Europäische Union ebenfalls das Ziel, private Ersparnisse stärker für produktive Investitionen zu mobilisieren. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Während Kolumbien auf dirigistische Kapitalsteuerung setzte, will Europa vor allem durch integrierte Kapitalmärkte, bessere Anlagebedingungen und den Abbau regulatorischer Hindernisse überzeugen. Das ist zwar der marktwirtschaftlich deutlich überzeugendere Ansatz.

Doch beide Modelle berühren dieselbe ökonomische Grundfrage: Schafft die Mobilisierung zusätzlichen Kapitals auch zusätzliche Investitionsmöglichkeiten?

Wenn Milliarden auf eine begrenzte Zahl investierbarer Infrastrukturprojekte treffen, entstehen dadurch nicht automatisch neue Stromnetze, Brücken oder Kraftwerke. Zunächst konkurriert das zusätzliche Kapital womöglich nur um dieselben Vermögenswerte. Die Preise steigen, die Renditen sinken. Neue reale Investitionen sind damit noch nicht geschaffen.

Natürlich kann zusätzliches Kapital neue Projekte ermöglichen. Aber dafür müssen diese genehmigungsfähig, wirtschaftlich tragfähig und tatsächlich realisierbar sein. Geld allein beseitigt weder regulatorische Hindernisse noch fehlende Netzanschlüsse.

Im Moment zeigt sich deutlich, dass die Akteure mindestens ebenso stärker über die Reihenfolge wirtschaftspolitischer Maßnahmen nachdenken müssen. Die Mobilisierung von Kapital und die Schaffung investierbarer Projekte müssen Hand in Hand gehen. Wo Letztere fehlen, droht die Kapitalmobilisierung lediglich bestehende Vermögenswerte zu verteuern.

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