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Offensiv investieren in resiliente defensive Infrastruktur

Infrastruktur zwischen Sicherheitsarchitektur und Kapitalanlage

Geopolitische Spannungen, Dekarbonisierung und steigende Anforderungen an die Resilienz verändern die Infrastrukturagenda Deutschlands grundlegend. Infrastruktur ist längst nicht mehr nur wirtschaftliche Grundlage einer Volkswirtschaft. Energieversorgung, digitale Netze, Lieferketten und sicherheitsrelevante Einrichtungen entwickeln sich zu strategischen Vermögenswerten und gewinnen sowohl für die staatliche Daseinsvorsorge als auch für die nationale Sicherheitsarchitektur an Bedeutung. Damit verändern sich nicht nur die Prioritäten staatlicher Investitionen, sondern auch die Perspektive institutioneller Anleger.

Vor diesem Hintergrund stellt sich eine zentrale Frage: Wie kann der erhebliche Investitionsbedarf in resiliente Infrastruktur finanziert werden? Öffentliche Mittel bilden dabei zwar den Ausgangspunkt, werden jedoch allein nicht ausreichen. Die Mobilisierung privaten Kapitals gewinnt daher an Bedeutung. Voraussetzung hierfür sind investierbare Projekte, verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen und ein angemessenes Verständnis der Chancen und Risiken, die mit Infrastrukturinvestitionen verbunden sind.

Geopolitik verändert die Investmentlandschaft

Lange Zeit galten geopolitische Risiken als Randthema für Investoren. Heute bestimmen sie zunehmend die Kapitalallokation. Die Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten, die Fragmentierung globaler Handelsbeziehungen sowie die Diskussion um strategische Abhängigkeiten haben das Risikobewusstsein nachhaltig verändert. Dies zeigt sich nicht nur politisch, sondern auch an den Kapitalmärkten.

Der Geopolitical Risk Index, der die Häufigkeit geopolitischer Konflikte und Spannungen anhand internationaler Medienberichte misst, bewegt sich seit Jahren auf erhöhtem Niveau. Gleichzeitig signalisiert der Volatilitätsindex VIX eine moderat erhöhte Unsicherheit an den Finanzmärkten. Auffällig ist dabei, dass die Märkte auf geopolitische Krisen inzwischen anders reagieren als noch vor einigen Jahren. Statt kurzfristiger Schocks und anschließender Rückkehr zur Normalität findet eine strukturelle Neubewertung von Risiken statt.

Der ehemalige IWF-Chefökonom Kenneth Rogoff warnte jüngst davor, die Risiken einer weiteren Eskalation im Nahen Osten zu unterschätzen. Die eigentliche Gefahr liege nicht allein im Konflikt selbst, sondern in einem möglichen stagflationären Szenario aus steigenden Energiepreisen, höherer Inflation und gleichzeitig schwächerem Wirtschaftswachstum. Infrastruktur wird damit zu einer strategischen Antwort auf die von Rogoff skizzierten Risiken.

Weniger einzelne Krisenereignisse als vielmehr deren Dauerhaftigkeit und Überlagerung prägen das aktuelle Umfeld. Geopolitische Spannungen, Energieversorgung, Lieferkettenstörungen und technologische Abhängigkeiten wirken gleichzeitig auf Unternehmen, Staaten und Investoren. Während Wachstum lange Zeit das dominierende Investitionsmotiv war, rückt heute die Resilienz von Systemen und Wertschöpfungsketten in den Vordergrund.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Entwicklung sind bereits sichtbar. Während der IWF seine Wachstumsprognose für Deutschland zuletzt auf 0,7 Prozent reduzierte, senkte die Bundesregierung ihre Erwartung für das laufende Jahr sogar auf lediglich 0,5 Prozent. Hauptursache sind die gestiegenen geopolitischen Risiken und die damit verbundenen Belastungen auf den Energie- und Rohstoffmärkten. Berechnungen des ifW Kiel zufolge kann ein Anstieg des Ölpreises um zehn US-Dollar das deutsche Bruttoinlandsprodukt um rund 0,1 Prozentpunkte belasten.

Gleichzeitig entsteht für die Geldpolitik ein schwieriges Spannungsfeld. Anders als in klassischen Nachfragezyklen wird die Inflation derzeit maßgeblich durch angebotsseitige Faktoren wie Energiepreise beeinflusst. Die EZB kann Inflationserwartungen zwar über ihre Zinspolitik beeinflussen, sie kann jedoch keine zusätzlichen Energieressourcen schaffen.

Hinzu kommt eine weitere Entwicklung: die anwachsende Zurückhaltung im Kreditmarkt. Die geopolitische Unsicherheit wirkt dabei wie ein zusätzlicher Bremsfaktor. Verliert der Kreditkanal an Dynamik, kann dies mittelfristig stärkere Auswirkungen auf Investitionen und Wachstum entfalten als einzelne geopolitische Schocks. Umso wichtiger wird die Fähigkeit von Staaten und Volkswirtschaften, ihre Widerstandsfähigkeit gezielt auszubauen.

Infrastruktur als Fundament wirtschaftlicher Resilienz

Doch was ist Infrastruktur eigentlich? Im volkswirtschaftlichen Verständnis umfasst Infrastruktur langlebige, kapitalintensive Basisstrukturen, die die Funktionsfähigkeit einer Volkswirtschaft sicherstellen und sektorübergreifend als Produktionsfaktor wirken. Straßen, Schienen, Energienetze oder digitale Kommunikationssysteme bilden dabei nur die sichtbarsten Bestandteile. Im geopolitischen Umfeld der 2020er Jahre erweitert sich diese Definition jedoch deutlich. Infrastruktur wird mehr und mehr als kritische Ressource verstanden, die Versorgungssicherheit, wirtschaftliche Stabilität und staatliche Handlungsfähigkeit gewährleistet.

Diesen Paradigmenwechsel spiegelt auch das 2026 verabschiedete KRITIS-Dachgesetz (KRITIS-DachG) wider. Erstmals schafft Deutschland einen einheitlichen sektorübergreifenden Resilienzrahmen für kritische Infrastrukturen. Als KRITIS-Betrieb gilt dabei ein Unternehmen oder eine Einrichtung, deren Ausfall erhebliche Auswirkungen auf die Versorgung der Bevölkerung hätte. Energieversorgung, Transport und Logistik, Wasserwirtschaft, Gesundheitswesen, digitale Netze oder Finanzsysteme werden damit ausdrücklich als sicherheitsrelevante Strukturen definiert.

Infrastruktur wird heute nicht mehr allein als wirtschaftliche Grundlage verstanden, sondern als Bestandteil der Sicherheitsarchitektur moderner Volkswirtschaften. Resilienz ist dabei längst kein freiwilliges Ziel mehr, sondern wird regulatorisch eingefordert.

Im „KINGSTONE-Macro Matters“-Kontext lässt sich Infrastruktur heute entlang von vier zentralen Resilienzdimensionen betrachten: Energie- und Versorgungssouveränität, Mobilitäts- und Lieferkettenresilienz, digitale Infrastruktur und Datenresilienz sowie Verteidigungsresilienz. Die traditionelle Trennung zwischen Immobilien und Infrastruktur verliert an Bedeutung. An ihre Stelle treten integrierte Real-Asset-Strategien, die einen wesentlichen Beitrag zur Resilienz von Wirtschaft und Gesellschaft leisten. So zählen beispielsweise Stromnetze und Batteriespeicher zur Energie- und Versorgungssouveränität, Schienen- und Hafeninfrastruktur zur Mobilitäts- und Lieferkettenresilienz, Rechenzentren und Glasfasernetze zur digitalen Infrastruktur und Datenresilienz sowie Kasernen, Logistik- und Ausbildungseinrichtungen zur Verteidigungsresilienz.

Deutschlands Investitionsbedarf ist strukturell – und massiv

Die geopolitische Neuordnung trifft Deutschland in einer Phase erheblicher infrastruktureller Defizite. Über viele Jahre wurden bestehende Infrastrukturen eher verwaltet als modernisiert. Gleichzeitig investierten zahlreiche europäische Nachbarstaaten deutlich stärker in ihre wirtschaftlichen und strategischen Grundlagen.

Der daraus entstandene Investitionsbedarf ist enorm. Schätzungen gehen davon aus, dass allein für Energieversorgung, Netzinfrastruktur, Digitalisierung, Verkehrssysteme und resilienzorientierte Verteidigungsinfrastruktur bis Mitte der 2040er Jahre Investitionen von drei bis fünf Billionen Euro erforderlich sein werden. Der Ausbau erneuerbarer Energien, die Modernisierung der Stromnetze, Speichertechnologien, digitale Infrastruktur, Verkehrssysteme sowie sicherheitsrelevante Einrichtungen bilden dabei die größten Investitionsfelder.

Die Herausforderung liegt jedoch nicht nur in der Höhe der Investitionen. Viele bestehende Anlagen müssen modernisiert, digitalisiert und gegen neue geopolitische Risiken abgesichert werden. Resilienz bedeutet daher nicht nur Neubau, sondern vor allem Anpassung und Erneuerung bestehender Strukturen.

Dabei reicht staatliches Kapital allein nicht aus. Zwar schaffen Infrastruktur-Sondervermögen, Bereichsausnahmen und der geplante Deutschlandfonds zusätzliche finanzielle Spielräume. Die Größenordnung der bevorstehenden Aufgaben macht jedoch deutlich, dass privates Kapital eine zentrale Rolle bei der Finanzierung der Infrastrukturtransformation übernehmen muss.

Konjunkturneutrale Erträge – aber nicht ohne Risiko

Infrastruktur wird häufig mit Stabilität, Planbarkeit und Krisenfestigkeit assoziiert. Tatsächlich zählen Infrastrukturinvestitionen zu den bevorzugten Anlageklassen langfristig orientierter Investoren. Der Grund liegt in mehreren strukturellen Eigenschaften der Assetklasse. Infrastruktur-Assets bieten oftmals langfristig planbare Zahlungsströme mit hoher Visibilität, weisen eine vergleichsweise geringe Korrelation zu konjunkturellen Zyklen auf und können durch inflationsindexierte Erlösmodelle einen gewissen Schutz vor Kaufkraftverlusten bieten. Hinzu kommt, dass viele Infrastrukturanlagen essenzielle Leistungen für Gesellschaft und Volkswirtschaft erbringen und ihre Nachfrage häufig deutlich weniger schwankt als in anderen Assetklassen. Gerade für institutionelle Investoren mit langfristigen Verpflichtungen stellen Infrastrukturinvestitionen daher einen attraktiven Baustein im Asset-Liability-Management dar. Darüber hinaus profitieren Infrastrukturinvestitionen oftmals von staatlichem Rückenwind, regulatorischer Unterstützung und einer strategischen Priorisierung. Dies kann langfristig zu stabileren Cashflows, sinkenden Risikoprämien und einer Neubewertung der Assetklasse führen.

Gleichzeitig sind diese Vorteile nicht kostenlos zu haben. Infrastrukturinvestoren werden für die Übernahme spezifischer Risiken durch entsprechende Renditeaufschläge vergütet. Neben dem allgemeinen Zinsniveau spielen dabei insbesondere vier Risikoprämien eine zentrale Rolle: die Volatilitätsprämie, die Illiquiditätsprämie, die Transparenzprämie sowie die Komplexitätsprämie. Die Volatilitätsprämie entschädigt Investoren für Schwankungen von Cashflows und Bewertungen. Die Illiquiditätsprämie resultiert daraus, dass Infrastrukturprojekte häufig über Jahrzehnte gebundenes Kapital erfordern und nur eingeschränkt handelbar sind. Die Transparenzprämie reflektiert die oft begrenzte Markttransparenz, geringe Vergleichbarkeit einzelner Projekte und die Abhängigkeit von Annahmen zu Regulierung, Preisen, Auslastung und technischen Parametern. Die Komplexitätsprämie vergütet schließlich den zusätzlichen Aufwand, der durch Regulierung, technische Anforderungen, Vertragsstrukturen und das operative Management entsteht.

Besonders deutlich wird dies bei Energie- und Versorgungsinfrastruktur. Photovoltaik-, Windkraft- oder Speicherprojekte gelten häufig als „Core Infrastructure“, unterscheiden sich jedoch deutlich von klassischen Core-Immobilieninvestitionen. Während bei Core-Immobilien meist Standortqualität, Bonität des Mieters, Vertragslaufzeit und Indexierung im Mittelpunkt stehen, hängen Energieinfrastruktur-Investments stärker von Regulierung, Strompreisannahmen, Netzzugang, technischer Verfügbarkeit und Vermarktungsmodellen ab.

Ein Teil der Erlöse kann über EEG-Systeme oder langfristige Stromlieferverträge abgesichert werden. Dennoch bleiben wesentliche Ertragsbestandteile abhängig von Marktpreisen, tatsächlicher Produktion und regulatorischen Rahmenbedingungen. Hinzu kommen Illiquidität und begrenzte Markttransparenz: Projekte sind standortgebunden, individuell strukturiert und nur eingeschränkt vergleichbar. Damit entstehen Renditechancen nicht trotz, sondern wegen dieser spezifischen Risiken. Investoren erhalten nicht nur eine Vergütung für die Bereitstellung von Kapital, sondern auch für die Übernahme von Illiquidität, begrenzter Transparenz, Komplexität und regulatorischen Risiken. Resilienz ist damit kein risikofreies Investment – sie ist vielmehr eine bewusste Risikoübernahme, die langfristig durch stabile Cashflows, Inflationsschutz und strategische Bedeutung honoriert wird.

Kapital ist vorhanden – die Investierbarkeit bleibt die Herausforderung

Die zentrale Herausforderung liegt daher weniger im Kapitalmangel als in einem Mangel an investierbaren Projekten. Versicherungen, Versorgungswerke, Pensionskassen und andere institutionelle Investoren verfügen über erhebliche Mittel und möchten ihre Infrastrukturquoten ausbauen. Dennoch fließt ein großer Teil dieses Kapitals weiterhin ins Ausland. Der Grund liegt weniger in regulatorischen Restriktionen als in der fehlenden Investierbarkeit vieler Projekte.

Zwar wurden die Rahmenbedingungen in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Anpassungen im Kapitalanlagegesetzbuch, neue Infrastrukturquoten in der Anlagenverordnung, ELTIF-Strukturen sowie der initiierte Deutschlandfonds schaffen zusätzliche Möglichkeiten. Gleichzeitig fehlen jedoch häufig standardisierte Projekte, skalierbare Strukturen und verlässliche Projektpipelines.

Insbesondere bei öffentlich-privaten Partnerschaften (ÖPP) zeigt sich der Nachholbedarf. Während Länder wie Frankreich oder Großbritannien seit Jahren etablierte Marktstrukturen aufgebaut haben, dominieren in Deutschland häufig Einzellösungen, föderale Fragmentierung und langwierige Prozesse. Die Herausforderung besteht daher nicht darin, weiteres Kapital zu gewinnen, sondern vorhandenes Kapital effizient in konkrete Projekte zu lenken.

Quintessenz: Infrastruktur braucht Kapital – und investierbare Strukturen

Die geopolitischen Veränderungen der vergangenen Jahre haben Infrastruktur zu einer strategischen Assetklasse gemacht. Energieversorgung, digitale Netze, Lieferketten, Dateninfrastruktur und Verteidigungsfähigkeit sind längst nicht mehr nur wirtschaftliche Standortfaktoren, sondern zentrale Bestandteile nationaler Resilienz. Für institutionelle Investoren eröffnet dieser Strukturwandel attraktive langfristige Investitionschancen.

Mit dem Sondervermögen Infrastruktur und dem Deutschlandfonds setzt die Bundesregierung wichtige Impulse, um den Investitionsstau der vergangenen Jahrzehnte aufzulösen und privates Kapital gezielt zu mobilisieren. Entscheidend wird nun sein, dass diese Mittel zusätzliche Investitionen in der Realwirtschaft auslösen und nicht lediglich bestehende Finanzierungsströme ersetzen. Gelingt es, politische Investitionsvorhaben in investierbare Projekte mit verlässlichen Rahmenbedingungen zu übersetzen, kann privates Kapital einen wesentlichen Beitrag zum Aufbau resilienter Infrastruktur leisten – und damit zugleich die Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland nachhaltig stärken.

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