Analysis Comment Weekly

Private Credit und die falsche Seite der Bilanz

Links ein ruhiger Geschäftsmann vor Finanzdaten, rechts ein schockierter Mann mit Handy, Explosion dazwischen.

Warum die jüngste Nervosität möglicherweise weniger über Kredite als über Anleger verrät

Prominente Kreditausfälle in den USA, Sorgen über die Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf Softwareunternehmen, milliardenschwere Mittelabflüsse aus einzelnen Fonds sowie Rücknahmebeschränkungen bei einigen der bekanntesten Private-Credit-Vehikel haben den Markt zuletzt unter Druck gesetzt.

Warum kam es dann aber eher in Teilen des amerikanischen Private-Credit-Marktes zu Rücknahmeanträgen und Liquiditätsdruck, während vergleichbare Entwicklungen in Europa bislang weitgehend ausgeblieben sind?

Vielleicht liegt ein Teil der Antwort aber gar nicht auf der Aktiv-, sondern auf der Passivseite. Genauer gesagt: Von den Eigentümern der Kredite, den Anlegern also.

Nicht jede Krise beginnt beim Asset

Wer Kapitalmärkte beobachtet, sucht die Ursache von Krisen meist bei den Vermögenswerten selbst.

Doch manche Marktverwerfungen haben ihre Ursache weniger auf der Aktivseite als auf der Passivseite der Bilanz.

Offene Immobilienfonds gerieten in der Vergangenheit selten deshalb unter Druck, weil die Gebäude über Nacht an Wert verloren hätten. Problematisch wurde vielmehr die Kombination aus langfristigen Immobilieninvestitionen und kurzfristigen Liquiditätserwartungen der Anleger.

Die jüngsten Entwicklungen im Private Credit werfen dieselbe Frage auf:

Wie viel Risiko steckt eigentlich im Asset – und wie viel im Anleger?

Die Frage wird inzwischen auch innerhalb der Branche diskutiert. Die CAIA Association bezeichnete die jüngsten Verwerfungen ausdrücklich als Vertriebs-, Bildungs- und Strukturproblem („Wrapper Problem“) – nicht jedoch als Kreditproblem.

Denn damit verschiebt sich die Diskussion von den Kreditnehmern auf die Struktur der Vehikel und ihre Anlegerbasis.

Mehr als nur eine Kreditdebatte

Natürlich gibt es Unterschiede auf der Aktivseite.

Die US-Märkte weisen beispielsweise ein deutlich höheres Software-Exposure auf als Europa. Die Diskussion um eine mögliche KI-bedingte Disruption von Softwareunternehmen trifft amerikanische Kreditportfolios daher unmittelbarer als viele europäische Strategien.

Auch die Marktstruktur unterscheidet sich. Der amerikanische Private-Credit-Markt ist größer, reifer und wettbewerbsintensiver. Sektorallokationen, Sponsor-Landschaften und Underwriting-Standards sind nicht vollständig vergleichbar.

Die Aktivseite sollte deshalb nicht vorschnell ausgeblendet werden.

Dennoch erklärt dies allein kaum, weshalb dieselben Schlagzeilen auf beiden Seiten des Atlantiks so unterschiedlich verarbeitet wurden.

Denn die eigentliche Frage bleibt:

Warum kam es in Teilen des amerikanischen Private-Credit-Marktes zu Rücknahmeanträgen, Liquiditätsdruck und deutlichen Marktverwerfungen, während vergleichbare Entwicklungen in Europa bislang weitgehend ausgeblieben sind?

Allein im ersten Quartal 2026 wurden aus acht großen US-Private-Credit-Fonds rund 7,1 Milliarden US-Dollar abgezogen. Mehrere prominente Vehikel begrenzten Rücknahmen oder streckten Auszahlungen.

Vergleichbare Entwicklungen blieben in Europa bislang weitgehend aus.

Um diesen Unterschied zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Eigentümerstruktur.

Dieselben Kredite, unterschiedliche Eigentümer

Die vielleicht wichtigste Trennlinie verläuft zwischen den Eigentümerstrukturen in Europa und den USA.

Der amerikanische Markt hat sich in den vergangenen Jahren massiv für Privatanleger geöffnet.

Das verwaltete Vermögen von Evergreen-Private-Credit-Fonds stieg bis Mitte 2025 auf rund 644 Milliarden US-Dollar. Parallel wuchsen nicht börsennotierte Business Development Companies auf nahezu 200 Milliarden US-Dollar.

Die Anlageklasse ist damit längst kein ausschließlich institutioneller Markt mehr.

In Europa ist die Anlegerbasis weiterhin überwiegend institutionell geprägt. Versicherungen, Pensionskassen, Versorgungswerke und andere langfristig orientierte Investoren stellen nach wie vor den Großteil des Kapitals.

Während die Eigentümerstruktur in den USA zunehmend von Privatanlegern geprägt wird, dominieren in Europa weiterhin institutionelle Investoren.

Ein Teil des Unterschieds zwischen Europa und den USA könnte daher weniger in der Qualität der Kredite liegen.

Sondern darin, dass institutionelle Anleger Unsicherheit anders verarbeiten als Privatanleger.

Versicherungen und Pensionskassen reagieren auf Marktverwerfungen typischerweise über Allokationsentscheidungen, Risikobudgets und Bilanzsteuerung.

Privatanleger reagieren häufiger über Zu- und Abflüsse.

📌 Fazit: Anlegerstruktur als Risikofaktor

  • Die entscheidende Frage für den Private-Credit-Markt lautet nicht nur, wie riskant die Kredite sind, sondern mindestens auch genauso, welcher Anleger sie hält und ob er sie eher über Risikobudgets oder Sentiment-getrieben steuert.
  • Die Aktivseite erklärt, warum die Diskussion um die Private-Credit-Krise entstanden ist.  
  • Die Passivseite erklärt möglicherweise besser, warum sie genauso verlaufen ist. 

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