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AIV: Berlin braucht wieder mehr Mut zur Stadt

Porträt eines älteren Mannes mit Brille vor einer Stadtkarte, Veranstaltung Stimmanns Stadt, Berlin 2026
Porträt von Hans Stimmann zur Veranstaltung "Stimmanns Stadt. Werk und Wirkung" am 3. und 4. September 2026 in Berlin. Bildquelle: Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin-Brandenburg e.V.

Zweitägige Konferenz „Stimmanns Stadt – Werk und Wirkung“ zieht Bilanz und fragt nach den Lehren für die Stadtentwicklung von morgen

Was bleibt vom städtebaulichen Denken Hans Stimmanns und was kann Berlin daraus für die Zukunft lernen? Zwei Tage lang diskutierten Architekten, Stadtplaner, Politiker, Wissenschaftler und Wegbegleiter des früheren Berliner Senatsbaudirektors auf Einladung des Architekten- und Ingenieurvereins zu Berlin-Brandenburg (AIV) und der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen über Werk und Wirkung einer der prägendsten Persönlichkeiten der Berliner Stadtentwicklung nach der Wiedervereinigung. Die Konferenz „Stimmanns Stadt. Werk und Wirkung“ am 3. und 4. September in der ESMT Berlin am Schlossplatz verstand sich dabei ausdrücklich nicht allein als Rückblick, sondern als Beitrag zur aktuellen Debatte über die Zukunft der Stadt. Stimmann, der am 30. August 2025 verstarb, hatte als Senatsbaudirektor und Staatssekretär die Berliner Stadtentwicklung über viele Jahre maßgeblich geprägt.

Im Mittelpunkt der Konferenz standen deshalb nicht nur Stimmanns „Kritische Rekonstruktion“, das Planwerk Innenstadt oder die großen Architekturdebatten der Nachwendezeit. Diskutiert wurde ebenso darüber, welche Voraussetzungen eine Stadt heute braucht, um ihre räumliche Entwicklung wieder langfristig und qualitätsorientiert zu steuern. Dabei ging der Blick bewusst über Berlin hinaus: Beispiele und Erfahrungen aus Hamburg, Osnabrück, Wien sowie der internationale Diskurs über die Europäische Stadt erweiterten die Berliner Perspektive.

Hans Stimmann hat Berlin nicht deshalb geprägt, weil alle seine Positionen unumstritten waren. Im Gegenteil. Er hat die Stadt gezwungen, sich mit ihrer eigenen Zukunft auseinanderzusetzen. Er hatte eine Vorstellung davon, wie Berlin aussehen und funktionieren sollte, und war bereit, darüber öffentlich zu streiten. Genau diese Verbindung aus fachlicher Haltung, langfristiger Perspektive und dem Mut zur Debatte brauchen wir heute wieder stärker“, so Christian Müller, AIV-Vorstandsvorsitzender.

Stadtentwicklung braucht Haltung und Entscheidungen

Ein roter Faden der Konferenz war die Frage nach der Verantwortung der öffentlichen Hand. Stimmann verstand Stadtentwicklung nicht als Addition einzelner Bauprojekte, sondern als öffentliche Aufgabe. Blockrand, Parzelle, Nutzungsmischung, öffentlicher Raum und die Orientierung am historischen Stadtgrundriss waren für ihn Bestandteile eines übergeordneten Verständnisses von Stadt. Seine Positionen lösten heftige Kontroversen aus, machten Architektur und Städtebau zugleich aber zu Gegenständen einer breiten öffentlichen Debatte.

Dabei zeigte die Konferenz auch die Ambivalenzen seines Wirkens. Denn politische Kultur, so eine der diskutierten Thesen, erschöpft sich nicht in Beteiligung und Diskussion. Demokratisch legitimierte Politik muss auch Ziele verfolgen, Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen können.

Für Tobias Nöfer, Vorstandsmitglied des AIV und Initiator der Konferenz, liegt darin eine zentrale Lehre: „Dass die Ära Stimmann noch immer polarisiert, zeigte sich bereits bei der Ankündigung dieser Veranstaltung. Doch guter Städtebau braucht öffentliche Institutionen und verantwortungsbereite Persönlichkeiten, die nicht nur einzelne Vorhaben genehmigen, sondern Ziele formulieren, Verfahren gestalten und mit der Kraft der ihnen verliehenen Macht das fachlich Angemessene und gesellschaftlich Notwendige durchsetzen.“

Die Europäische Stadt bleibt aktuell, ihre Aufgaben haben sich verändert

Ein besonderer Schwerpunkt des zweiten Konferenztages lag auf der Frage nach der Zukunft der Europäischen Stadt. Stimmann verband mit ihr Dichte, Mischung, Parzelle, kurze Wege, einen klar definierten öffentlichen Raum und einen gestalterischen Anspruch an Stadt. Die Beiträge machten zugleich deutlich, dass die Herausforderungen heute andere sind: Klimaanpassung und Ressourcenknappheit, die Transformation des Gebäudebestands, bezahlbarer Wohnraum sowie neue Anforderungen an Mobilität und Freiraum verändern die Bedingungen der Stadtentwicklung grundlegend.

Damit verschiebt sich auch die Aufgabe. Es geht weniger darum, ein historisches Stadtmodell zu reproduzieren, sondern darum, die vorhandene Stadt weiterzuentwickeln. Baukultur, Klimaschutz, soziale Teilhabe und wirtschaftliche Entwicklung müssen dabei stärker zusammengedacht werden.

Gerade deshalb besitzt die Idee der Europäischen Stadt weiterhin Aktualität. Sie steht für eine Stadt der Mischung, der Nähe und des öffentlichen Raums und damit auch für einen gesellschaftlichen Raum, in dem Begegnung, Austausch und Auseinandersetzung möglich sind.

Was nehmen wir für die Zukunft mit?

Aus Sicht des AIV lassen sich aus den beiden Konferenztagen vor allem drei Aufgaben für die künftige Stadtentwicklung ableiten: Berlin braucht langfristige räumliche Leitbilder, eine starke öffentliche Verantwortung für Städtebau und Baukultur sowie eine neue, ernsthafte Debattenkultur über die Gestalt der Stadt.

Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, die Planungsinstrumente oder ästhetischen Vorstellungen der Stimmann-Ära unverändert fortzuschreiben. Schon der internationale Blick der Konferenz zeigte, dass Stimmanns Bedeutung weniger in der Übertragbarkeit eines fertigen „Berliner Modells“ liegt als darin, eine grundsätzliche Diskussion über Form, Geschichte, Urbanität und politische Steuerung der Stadt angestoßen zu haben.

„Die entscheidende Forderung nach diesen zwei Tagen lautet deshalb: haben wir selbst den Mut, wieder eine Vorstellung von der Stadt zu formulieren, die über das einzelne Projekt und die nächste Legislaturperiode hinausreicht! Berlin steht vor gewaltigen Aufgaben. Dafür brauchen wir einen neuen städtebaulichen Gestaltungswillen für das 21. Jahrhundert“, so Müller.

Für den AIV ist die Konferenz deshalb Auftrag, die Diskussion fortzuführen. Denn eine zentrale Qualität der Stimmann-Jahre war – bei aller Härte der damaligen Auseinandersetzungen – die öffentliche Beschäftigung mit Architektur und Städtebau. Die Frage, wie Berlin gebaut werden soll, gehörte zum gesellschaftlichen und politischen Diskurs. Auch die Konferenz erinnerte daran, dass diese Debattenkultur heute deutlich schwächer ausgeprägt ist.

Nöfer abschließend: „Stadt entsteht über Generationen. Umso wichtiger ist es, dass Entscheidungen nicht allein aus der Perspektive des Augenblicks getroffen werden, sondern mit dem Wissen um die Herkunft. Hans Stimmanns vielleicht wichtigstes Vermächtnis ist deshalb nicht die Traufhöhe oder einzelne städtebauliche Regeln. Es ist der Anspruch, Stadt als Ganzes zu denken. Diesen Anspruch sollten wir für Berlin neu formulieren, offen für die Anforderungen unserer Zeit, aber mit derselben Ernsthaftigkeit gegenüber dem gebauten Raum.“

Hochkarätig besetzte Konferenz

Bei „Stimmanns Stadt – Werk und Wirkung“ diskutierten zahlreiche renommierte Persönlichkeiten aus Architektur, Stadtplanung, Politik, Wissenschaft und Publizistik über Hans Stimmanns Wirken und die Zukunft der europäischen Stadt. Zu den Referenten und Gesprächspartnern gehörten unter anderem Petra Kahlfeldt, Senatsbaudirektorin Berlin, Eberhard Diepgen, Regierender Bürgermeister von Berlin a.D., Peter Strieder, Senator für Stadtentwicklung a.D., Volker Hassemer, ehemaliger Berliner Senator, Ephraim Gothe, Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung in Berlin-Mitte, sowie Franz-Josef Höing, Oberbaudirektor der Freien und Hansestadt Hamburg, vertreten. Aus Architektur, Städtebau und Wissenschaft waren unter anderem Hans Kollhoff, Harald Bodenschatz, Dieter Hoffmann-Axthelm, Philipp Meuser, Hilmar von Lojewski, Thimo Weitemeier, Silvia Malcovati und Birgit Rapp vertreten. Hinzu kamen Hannes Swoboda, ehemaliger Wiener Stadtrat für Stadtplanung und Stadtgestaltung und Präsident des Architekturzentrums Wien, sowie die Publizisten und Autoren Jens Bisky und Simon Strauss.

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